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staatsphilosophie: Die Zeit - 4. November 2004 - Nr.40 - Seite 94 - »Zeitläufte«

Im Anfang ist Gerechtigkeit

Wer den demokratischen Sozialismus für ein Relikt der untergegangenen Arbeiterbewegung hält, irrt.
Er ist ein Projekt des deutschen Idealismus um 1800 – wie die kühnen Schriften des Dresdner Philosophen Johann Adolph Dori zeigen

Von Jürgen Riethmüller

Stadtansicht von Dresden - Canaletto

Das Elbufer in Dresden, wie Bernardo Bellotto es um 1750 sah; rechts die Hofkirche. Hier, an der Ritterakademie, lehrte Dori. Seine Werke (Titelseiten oben) erschienen indes in Leipzig und Görlitz Abb.: bpk Berlin, 2004 (Gemäldegal. Alte Meister, Staatl. Kunstslg., Dresden)

Was mag – eine Frage zu stiller Stunde – von der Kanzlerschaft Gerhard Schröders in 100 Jahren geblieben sein? Der Ausstieg aus dem Sozialstaat? Aus dem Atomstaat? Auf jeden Fall der Abschied der SPD vom demokratischen Sozialismus, das scheint gewiss. Denn wie sprach der Kanzler und damalige Parteivorsitzende im August 2003 in ein Mikrofon des Deutschlandfunks: »Ich glaube, dass man aufpassen muss, dass man nicht Formeln benutzt, die keinen wirklichen Inhalt haben. Also, der Begriff des demokratischen Sozialismus legt ja nahe, dass es eine Form der Ökonomie geben könnte, die anders als marktwirtschaftlich ist und dass die vernünftig wäre. Und ich glaube, dass die Erfahrungen im letzten Teil des vergangenen Jahrhunderts zeigen, dass dem nicht so war.

Der demokratische Sozialismus – als Irrlehre aus der Partei der Mitte verbannt. Abgeschoben auf die linke Reste-Rampe, zur PDS und zu den Sekten und Sektierern am Rand. Doch was gewiss keiner unserer wackeren, neuerdings historisch ostentativ desinteressierten Sozialdemokraten ahnt: Die Idee des demokratischen Sozialismus ist viel älter als die Partei, als die Sozialdemokratie oder die Arbeiterbewegung. Ein unscheinbarer Philosoph aus der Lausitz, Professor an der Ritterakademie in Dresden, hat sie um 1800 als Erster gedacht und in moderner Gestalt formuliert. Seine verblüffenden Texte bieten auch heute noch Anregung, in einer Zeit, in der die Reflexe der so genannten Globalisierung tatsächlich mit derselben Wucht und Naturnotwendigkeit herrschen wie seinerzeit in Deutschland die Fürsten von Gottes Gnaden.

Demokratie, Sozialismus und Marktwirtschaft: Das alles wollte Johann Adolph Dori zusammenbringen – unter der Herrschaft der Serenissimi in über 300 deutschen Territorien eine ziemlich revolutionäre Perspektive. Doch der Geschichtsoptimismus eines Condorcet, der selbst im Angesicht der Guillotine an seinem Fortschrittstraum festhielt, beseelte auch ihn: »Die Welt ist, die beste Welt wird.

Geboren wurde Dori in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts, das genaue Datum kennen wir nicht, als Sohn eines Försters in Sorno. Das wendische Dorf zwischen Cottbus und Dresden nahe Senftenberg gibt es seit 1970 nicht mehr, es fiel dem Braunkohletagebau zum Opfer, selbst die dortigen Kirchenbücher sind verloren.

Der junge Dori muss eine gute Ausbildung erhalten und später Nationalökonomie und Philosophie studiert haben, möglicherweise in Jena. 1798 und 1799 veröffentlichte er in Leipzig seine beiden Hauptwerke: den – im Anschluss an Kant – ein eigenes idealistisches Philosophiesystem entwickelnden Band Über das höchste Gut und dessen Verbindung mit dem Staate sowie die konkrete nationalökonomische Anwendung dieser Philosophie: Materialien zur Aufstellung einer vernunftmäßigen Theorie der Staatswirtschaft.

Angesichts des hochkomplexen Kommunikationssystems, als das wir den deutschen Idealismus inzwischen wohl am zutreffendsten beschreiben können, stellt sich natürlich die Frage, wo Dori in diesem Netzwerk zu verorten wäre. Dieser Zusammenhang, von dem Münchner Philosophen Dieter Henrich in seinem jüngst erschienenen und viel gefeierten Monumentalwerk Grundlegung aus dem Ich als »Konstellation« bezeichnet, verlangt eine mikroskopisch genaue Ausdeutung, für die uns bei Dori die biografischen Daten einfach fehlen. Es liegt nahe, seine Philosophie »irgendwo zwischen Kant und Fichte« anzusiedeln, doch ist er ein Denker von robuster Eigenständigkeit.

So lässt sich etwa der Einwand, Doris Philosophie sei epigonal »fichteanisch«, kaum aufrechterhalten. Während Fichte vorgehalten wurde, in seiner gesamten Philosophie würden »Staat und Gesellschaft vorübergehende und fragwürdige Organisationen sein, die nach Belieben aufgebaut und abgeschafft werden können« (wie Hajo Holborn in seiner Deutschen Geschichte der Neuzeit von 1964 schreibt), kann man bei Dori gerade die »Übertreibung der Staatsidee« kritisieren. So auch geschehen in der kurzen, reichlich feindseligenTons verfassten biografischen Notiz in der Allgemeinen Deutschen Biographie (1877), einer der wenigen Darstellungen seines Lebens. Außerdem: Fichtes Schrift Über den geschlossenen Handelsstaat erschien im Jahr 1800 – also nach Doris beiden Hauptwerken!

Das Recht auf Eigentum und das Recht auf Arbeit

1805, als die Hoffnungen der deutschen Republikaner und Demokraten, die auf das revolutionäre Frankreich gesetzt hatten, längst unter dem napoleonischen Eroberungswahn zerbrochen waren, versuchte Dori in den populärwissenschaftlich gehaltenen Briefen über die philosophische Rechts- und Staatswirtschaftslehre seine Thesen bekannter zu machen. Ein Jahr zuvor war er zum zweiten Professor für Moral, Geschichte und Sprache an der Kurfürstlichen Ritterakademie in Dresden ernannt worden. Sachsens König August der Starke hatte sie 1723 zur Ausbildung der Offiziere seines Heeres gegründet. Doris Kollege hier war übrigens Karl Heinrich Ludwig Pölitz (1772 bis 1838), bereits seit 1794 Professor für Moral und Geschichte. Damals gehörte er vermutlich ebenfalls zu den Demokraten. Pölitz brachte später, seit 1803 Professor in Halle und inzwischen ein gemäßigter Liberaler, ein Werk über Europas Staatsverfassungen seit 1789 heraus, das bis in die Vormärzzeit hinein etliche Auflagen erreichte.

Lange konnte sich Dori seines neuen Amtes nicht erfreuen. Schon 1807 gab er, wie freiwillig auch immer, seine Stellung an der Akademie auf und starb im selben Jahr in Freudenstein im Erzgebirge.

Sehr viel mehr als diese Daten zu seinem Berufsleben sind über Dori nicht bekannt. Kein Porträt, keine Zeile von seiner Hand sind erhalten. Hatte er Familie? Wer waren seine Freunde? Hat er längere Reisen unternommen? Wir wissen es nicht. Die Archive schweigen, nicht einmal das genaue Datum seines Todes steht fest. So verwundert es kaum, das auch sein Werk weitgehend verschwunden, keine Neuauflage, kein Reprint mehr zu haben ist. Es war der findige Germanist Jörn Garber, dem wir so viele Entdeckungen und Anregungen verdanken, der als Erster 1985 auf diesen Mann und sein erstaunliches Werk wieder aufmerksam gemacht hat.

Erstaunlich. Erstaunlich frei und demokratisch, das vor allem. Schon in Doris erstem Buch “Über das höchste Gut” aus dem Jahr 1798 heißt es: »Es muß [im Staat] eine Gewalt vorhanden sein, die die Stelle eines ewig unveränderlichen guten Willens vertritt. Diese Gewalt muß eine äußerliche Gewalt sein; sie kann, da wir frei sind, nur durch uns selbst, mit einem Wort, sie muß eine übertragene sein. Ohne jene äußere durch das Tun der Freien konstituierte Gewalt ist meine empirische Existenz unsicher und abhängig von der Willkür eines anderen…

Selbstverständlich sollte die angestrebte Ordnung gewaltenteilig sein. Hier war der Autor ganz auf der Höhe der im Deutschland jener Jahre so starken demokratischen Staatsphilosophie: »An die konstituierte Gewalt, welche zwingt, kann und darf das Recht der Gesetzgebung nicht übertragen werden. […] Die gesetzgebende Gewalt muß eine abgesonderte, für sich bestehende Gewalt ausmachen. Der Gesetzgeber ist seiner Natur nach keiner Verantwortung fähig. […] Die richterliche Gewalt geht aus der All[gemein]heit durch Wahlen hervor. […] Auch die gesetzgebende Gewalt kann nicht richten.

Rücksicht auf die Realitäten des Spätabsolutismus, auf das oftmals grenzdebile Regiment all jener Fürsten und Fürstlein, die damals noch immer nach dem Muster des französischen Ancien Régime über Deutschland mehr oder weniger »aufgeklärt« herrschten, war Dori fremd. Demgegenüber betonte er, dass der von ihm anvisierte Staat nur dann bestehen könne, wenn er auf der Souveränität des Volkes beruhe: »Die Einheit der vernünftigen Wesen, des gemeinen Wesens, das alle ausmachen, ist die zu konstituierende Allgewalt. […] Sie ist vorzustellen als die Vereinigung der moralischen, intellektuellen und physischen Kräfte aller.

Auch wie diese »Allgewalt« zustande kommen sollte, enthielt er seinen Lesern nicht vor: »Nur durch Wahl kann ein aus der Allheit hervorgehendes Recht übertragen werden. Die richterliche Gewalt geht aus der Allheit, wie die vorigen beiden [das heißt Exekutive und Legislative] durch Übertragung hervor.

Sollten diese Wahlen allgemein und frei sein? Oder sah Dori Wahlausschlüsse vor, wie es seit 1795 auch im revolutionären Frankreich wieder üblich war? Davon verlautet in den Werken des Dresdner Philosophen nichts, vielmehr schrieb er sogar ausdrücklich in Hinblick auf die Wahlen zu einem deutschen Parlament:
Daher ist es notwendig, dass die physische mit der gesetzgebenden Gewalt durch Wahl der Allheit […] wechsele.« Die »Allheit« war mehrfach definiert worden als »die Einheit der vernünftigen Wesen oder des Gemeinwesens« – damit scheinen wohl alle gemeint gewesen zu sein. Denn: »Die Allheit […] gibt sich selbst Gesetze, und in dieser Absicht ist jedes Individuum als ein Teil des Gesetzgebers zu betrachten.

Ob hierbei Frauen miteingeschlossen waren, ist schwer zu beurteilen. Nur einige dachten damals so konsequent: der Leipziger Johann Adam Bergk und der Kölner Christian Sommer etwa (beide haben übrigens eine demokratische Verfassung entworfen) – und natürlich die, wenn man so will, erste deutsche Feministin, die unter dem Pseudonym Aspasia veröffentlichte. Doch Doris Wortwahl »jedes Individuum« legt nahe, dass auch er die Frauen miteinbezog.

Grundlage blieb die Freiheit des Einzelnen: »Kein vernünftig-sinnliches Wesen kann wollen, dass es von dem guten Willen eines anderen, mit dem es in einer notwendigen Wechselwirkung steht, abhänge« – eine an die systemtheoretische Idee einer »strukturellen Kopplung« erinnernde Denkfigur. Dori war einer der ganz wenigen Philosophen des 18. Jahrhunderts, deren Modell zwischen der Freiheit des Einzelnen und der Notwendigkeit sozialer Interaktion eine wirkliche Balance fand. Von daher die kategorische Forderung nach Umsetzung bürgerlicher Freiheit, verstanden als »Unabhängigkeit von der Willkür anderer. […] Die bürgerliche Freiheit ist nur durch Abhängigkeit aller vom Gesetz möglich.

Beachtlich, was der eigenwillige Philosoph alles vorschlug: Volkssouveränität, Gewaltenteilung, Mehrheitsprinzip, Rechtsstaatlichkeit – all die Prinzipien, auf denen unser heutiges Grundgesetz beruht, finden sich bereits im politischen System Johann Adolph Doris aus dem Jahr 1798 in beträchtlicher Reife und Klarheit vorformuliert!

Noch bemerkenswerter allerdings als seine demokratischen Überzeugungen sind seine sozialistischen Ideen. Auch damit stand er damals nicht allein. Erinnert sei an genuin utopische Frühsozialisten wie den Österreicher Franz Hebenstreit, den Preußen Carl Wilhelm Frölich oder Franz Heinrich Ziegenhagen aus dem Elsass, der bei Hamburg eine Art Kibbuz gründete. Es ist schon kurios, wie komplett all diese Autoren von ihren späteren Nachfahren im Geiste vergessen wurden. So nannte etwa August Becker die Schrift seines Mitstreiters Wilhelm Weitling Die Menschheit wie sie ist und sein sollte von 1830 »die erste Kommunistenschrift seit Thomas Müntzer«. Dabei war beispielsweise Ziegenhagens Verhältnislehre 1792 in der dreifachen Auflage gedruckt und vom beliebtesten Illustrator der Zeit, von Daniel Chodowiecki mit Kupfern versehen worden; Wolfgang Amadeus Mozart hatte noch 1791, in seinem Todesjahr, eigens zum Erscheinen dieses Werkes im Auftrag des Autors eine Hymne komponiert, Köchel-Verzeichnis 619.

Doch im Gegensatz zu jenen Protosozialisten hielt Dori am Eigentum fest. Seine ökonomische Hauptmaxime ist, wie im SPD-Programm, Gerechtigkeit, definiert als »Gleichheit zwischen dem Genusse und der Arbeit« und »gerechte Verhältnisse zwischen Arbeit und Lohn«. Er fasste diese Überlegungen seiner schwierigen Materialien zur Aufstellung einer vernünftigen Theorie der Staatswirtschaft von 1799 dann später in den bereits genannten Briefen über die philosophische Rechts- und Staatswirtschaftslehre zusammen. Sie vor allem machen noch einmal klar: Dori schätzte wie die meisten frühen Demokraten das Privateigentum hoch, bezeichnete es gar als »a priori zu erkennende Bedingung der Glückseligkeit«. Von daher galten ihm die Beanspruchung des bearbeiteten Gegenstands (als »ursprüngliches Eigentum«) wie auch die »ungestörte Arbeit« als unveräußerliche Urrechte des Menschen. Eine nur scheinbar geringfügige Umdeutung der klassisch-liberalen Sicht der Dinge.

Damit war nämlich nicht das Eigentum an sich heilig gesprochen, sondern nur das sozial verträgliche gerechtfertigt: »In einer moralischen Gesellschaft ist keine Macht denkbar, die den Tugendhaften durch Elend niederdrücke, den Lasterhaften dagegen mit allen Segnungen reichlich überschütte« – dies die zeittypische Spitze des bürgerlichen Intellektuellen gegen den herrschenden Adel.

Arbeit und Eigentum sind in Doris Begriff des »ursprünglichen Eigentums« untrennbar miteinander verwoben: »Die Abhängigkeit von der Willkür anderer, die aus der Schutzlosigkeit des ursprünglichen Eigentums entsteht, ist sichtbar im Verhältnis des Unbedeutenden zum Mächtigen, des Armen zum Reichen. Es wird Ihnen auf das deutlichste einleuchten, dass Aufruhr, Totschlag, Selbstmord, Raub, Betrug, […], Armut […] und andere politische Übel ihren Entstehungsgrund größtenteils in dem verkannten und ungesicherten Recht des ursprünglichen Eigentums haben.

Ideen wie aus dem Ahlener Programm der CDU

Um das unter den Äonen der Adelsherrschaft verlorene ursprüngliche Eigentum wiederherzustellen, setzte Dori den Staat als Zentralinstanz ein. Dieser »betreibt die Ausbildung der Kräfte und weist die gebührenden Wirkungskreise an. Der Staat misst einem jeden die ihm gebührenden Dienste und Arbeitsprodukte zu. […] Der Staat ist verpflichtet, jedem Arbeitsfähigen ein der Kraft und Neigung desselben angemessenes Amt [im Sinne von Arbeitsplatz oder -stelle] zu geben. Unter der Rechtsherrschaft kann kein arbeitsfähiger Mensch, ohne ein Amt zu übernehmen, existieren.

Das sind Ideen, die später beispielsweise im Ahlener Programm der CDU von 1947 hätten auftauchen können! Dori folgerte unmittelbar aus den menschlichen Urrechten der körperlichen Unverletzbarkeit, des freien Gebrauchs der eigenen Kräfte und der materiellen Sicherung der Existenz im Staat einen Rechtsanspruch auf eine der eigenen Neigung entsprechende Ausbildung und Arbeit – wie auch, dass diese angemessen entlohnt werde. Darin ging er entschieden weiter als alle seine Zeitgenossen.

Um die Tätigkeiten möglichst in ihrer individuellen Belastung einander anzugleichen, wird der Einsatz von Maschinen empfohlen. Arbeitszeitregelungen garantieren ein möglichst gleich hohes Maß an Freizeit. Alle Arbeitsleistungen sollen staatlich festgelegt werden, vom Lohn müssen bestimmte Quoten für Allgemeinaufgaben einbehalten werden (Lohnsteuer). Der gesamte konsumtive Bereich – von der Wohnung über die Bekleidung bis hin zu den Nahrungsmitteln – wird nach individuellen Bedürfnissen staatlich geregelt.

Dori formulierte also, modern gesprochen, die Prognosetheorie einer sozialistischen Staatswirtschaft. Ihre Notwendigkeit hatte er, ganz Kind der Aufklärung, aus den Prinzipien der idealistischen Moralphilosophie postuliert. Zweifellos naiv, setzte er darauf, dass sie reibungslos funktioniert. Ihr Hauptproblem, die lähmende Bürokratisierung, die der individuellen Freiheit diametral entgegensteht, konnte er nicht sehen. Er schrieb zu einer Zeit, das dürfen wir nicht vergessen, da sich in Deutschland der Kapitalismus überhaupt erst langsam seiner feudalen Fesseln entledigte.

Umso mehr erstaunt es, dass Dori das zweite Übel der Staatswirtschaft, nämlich die ökonomische Trägheit des ihm vorschwebenden Systems, durchaus gesehen hat. Daher hielt er nicht nur am Privateigentum fest, sondern beharrte auch auf dem kapitalistischen Prinzip der Leistungsanreize in Form von Lohndifferenzen: »Je mehr eine Arbeit auf den Vorteil der Allheit der Individuen abzweckt, je größer die erforderliche Anstrengung der Kraft ist und je mühevoller die Ausbildung dieser Kraft war, desto mehr erhebt sich der Wert der Arbeit und desto größer muss der Sold sein, den der Arbeitende empfängt.

Keineswegs wurde hier einer Selbstbeschränkung der materiellen Bedürfnisse der Menschen das Wort geredet; vielmehr betonte Dori ausdrücklich, »alle natürlichen und erkünstelten Bedürfnisse« sollten »durch den Verdienst des Einzelnen befriedigt werden können«. Dies würde dadurch ermöglicht, »dass die Preise der auszuspendenden Arbeitsprodukte zweckmäßig bestimmt werden…« Der Lohn wiederum müsse »mit den festgesetzten Preisen harmonisierend« sein.

Das ist nationalökonomisch zwar ein wenig schlicht gedacht, aber immerhin um Längen realistischer als die zeitgleiche Parole des (von vielen orthodoxen Sozialisten einst so geschätzten) französischen Radikalrevolutionärs Gracchus Babeuf: »Jeder Mensch hat nur einen Magen, jeder Mensch hat gleiche Grundbedürfnisse.

In Doris Schriften finden wir erstmals den Versuch, Demokratie, Marktwirtschaft und Sozialismus zu verbinden – nicht zu versöhnen (wie man im 20. Jahrhundert so gern sagte), denn noch hatten sie sich ja gar nicht zerstritten. Die Unschuld der späten Aufklärung, des Idealismus, des klassischen Zeitalters ist lange dahin. Doch täte es auch den Sozialdemokraten gut, in bewegten Zeiten wie diesen sich der Wurzeln zu erinnern. Beziehungsweise sie überhaupt erst einmal kennen zu lernen. Parteitagsbeschlüsse und gespenstische Debatten um Worthülsen sind das eine. Vitale Traditionen ein anderes: lebensnotwendig nämlich. Denn sie inspirieren, vielleicht einmal darüber nachzudenken, ob es nicht doch eine »vernünftige« Form der Ökonomie geben könnte, »die anders als marktwirtschaftlich ist«. Beziehungsweise, ob die Marktwirtschaft uns wirklich von allem Bösen erlösen wird, wie seine Hohen Priester es tagtäglich vorbeten – ähnlich jenen Ideologen des Sozialismus, die uns einst den allein selig machenden Staat angepriesen haben.

Der Autor ist Historiker und lehrt an der Merz Akademie in Stuttgart. Sein Buch über »Die Anfänge des demokratischen Denkens in Deutschland« ist 2001 im ars una Verlag, Neuried, erschienen (516 S., 74,– €)

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